Chronik
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Erste Anfänge
„Aller Anfang ist schwer", lautet ein Sprichwort. Mancher Lebenserfahrung mag es entsprechen. „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne", meint Hermann Hesse im Gedicht. Ob der Druck von Schwierigkeiten oder die Freude über den Beginn bei der Gründung des Sängerkranzes vorherrscht, lässt sich nach den vorhandenen Unterlagen nicht mit Sicherheit feststellen. Eine Gründungsurkunde fehlt. Doch müssen die Gründerväter bei aller Ungewissheit von starker Zuversicht getragen sein, dass ihr Werk über das Jahr 1888 hinaus Bestand hat.
1888 scheint im Hainbachtal ein fruchtbares Jahr gewesen zu sein. Die Jahre, in denen die Stadtkirchengemeinden Kollekten abhalten, um den Filial-Armen über die Nöte von Missernten hinwegzuhelfen, liegen zurück. Ein reicher Obstsegen ist beschieden, eine ausgiebige Traubenernte wird eingebracht. Noch ist ja der Weinbau die Haupteinnahmequelle der nördlichen Esslinger Vororte. Fast siebzig Prozent der berufstätigen Bewohner sind „Wingerter". Noch 1881 errichten die Wäldenbronner eine neuzeitliche Kelter. Als Raiffeisens Gedanken zur bäuerlichen Selbsthilfe in den Hainbachweilern Eingang finden und im Jahre 1883 zur Gründung des Darlehenskassenvereins Wäldenbronn führen, befinden sich unter den 52 Gründungsmitgliedern immerhin 40 Weingärtner, und etliche von ihnen sind anno 1888 wieder mit von der Partie.
Man sieht nicht ohne Optimismus in die Zukunft; von den kommenden Notständen der Neunzigerjahre weiss man noch nichts, wenn auch im Lande Württemberg die letzten Regierungsjahre König Karls von mancherlei Unerfreulichem überschattet sind. Der Thronfolger, sein Neffe und bis heute nicht vergessene spätere König Wilhelm II., muss den kränkelnden Onkel bei verschiedenen Gelegenheiten bereits vertreten. Immerhin erlässt der Landesherr 1887 ein Gesetz über die Einführung der Kirchengemeinderäte, das sich auch rund Esslinger Vororte. Fast siebzig Prozent der berufstätigen Bewohner sind „Wingerter". Noch 1881 errichten die Wäldenbronner eine neuzeitliche Kelter. Als Raiffeisens Gedanken zur bäuerlichen Selbsthilfe in den Hainbachweilern Eingang finden und im Jahre 1883 zur Gründung des Darlehenskassenvereins Wäldenbronn führen, befinden sich unter den 52 Gründungsmitgliedern immerhin 40 Weingärtner, und etliche von ihnen sind anno 1888 wieder mit von der Partie.
Man sieht nicht ohne Optimismus in die Zukunft; von den kommenden Notständen der Neunzigerjahre weiss man noch nichts, wenn auch im Lande Württemberg die letzten Regierungsjahre König Karls von mancherlei Unerfreulichem überschattet sind. Der Thronfolger, sein Neffe und bis heute nicht vergessene spätere König Wilhelm II., muss den kränkelnden Onkel bei verschiedenen Gelegenheiten bereits vertreten. Immerhin erlässt der Landesherr 1887 ein Gesetz über die Einführung der Kirchengemeinderäte, das sich auch rund um das St. Bernhardter Kirchlein auszuwirken beginnt. Zum ersten Male können die „Kirchengenossen" in direkter Wahl einen örtlichen Kirchengemeinderat wählen, der den bisherigen, jeweils berufenen Kirchenkonvent ablöst, ein wichtiger Schritt für die Mitverantwortung der Gemeindeglieder und eine Ermunterung zu Initiativen im gemeindlichen Bereich.
In die Geschichte des Deutschen Reiches geht das Jahr 1888 als Dreikaiserjahr ein. Im März macht Reichskanzler Bismarck im Reichstag den Abgeordneten die formelle Mitteilung vom Tode Kaiser Wilhelms I. - Der schwerkranke Sohn und Nachfolger Friedrich III. erliegt bereits im Juni seinem unheilbaren Kehlkopfleiden. Dem „99 Tage-Kaiser" folgt Wilhelm IL, der 29jäh-rige forsche Enkel des ersten Kaisers; dass er zugleich der letzte sein wird, ahnt damals niemand. Noch will er Deutschland „herrlichen Zeiten" entgegenführen. Aber 1918 wird er ins Exil gehen, das Reich besiegt sein und die Monarchie zerschlagen- Institutionen, die allgemein für dauernd gehalten wurden und doch so undauerhaft waren.
Der 1888 gegründete Männergesangverein St. Bernhardt-Wiflingshausen bleibt bestehen, auch der im gleichen Jahr entstehende Liederkranz Serach. Die Aufbruchstimmung der Gründungsmitglieder verfliegt nicht. Die Befriedigung über die guten Herbsterträge führt sie zusammen, vermutlich in der Kelterstube in St. Bernhardt. Man könnte ein Lied anstimmen! Gemeinsam singen - nun erinnert man sich - das gab's in den Hainbachweilern schon einmal, wohl vor der Mitte des Jahrhunderts. Die Filialen sind noch dünn besiedelt; in Kennenburg kurt man in völliger Abgeschiedenheit; kaum 200 Menschen leben in „Set Bernhart", in „Wieflingshausen" rund 260 - so hält's die Volkszählung von 1849 fest. Doch schliessen sich Sänger zur Pflege des Chorgesangs zusammen. Geistliche Liedblätter lassen mehr auf einen Leichenchor schliessen, wenngleich der Name Männergesangverein verwendet wird.
Leider scheren etliche Männer aus, Wäldenbronner zumal, als dort zwei Gesangvereine gegründet werden: 1855 Concordia, 1872 Eintracht. Der bisherige Chor ist nicht mehr lebensfähig.
Nun aber Ende der grossen Pause! Wiederbelebung und Neugründung
zugleich - 25 beherzte Männer wagen es, darunter 4 Herren Berner, 3 Herren Fischle, je zweimal Eberspächer, Fuchslocher, Jahn und Schlienz - einst wie heute vertraute Familiennamen aus dem Geviert. Daneben treten dem Verein 30 unterstützende Mitglieder bei, und zum ersten Vorstand wird Gottlieb Albrecht sen. aus St. Bernhardt gewählt. Ein Kuriosum ist, dass nur verheiratete Männer als Sänger aufgenommen werden. Kein Argument dafür ist überliefert; anderswo werden nur unverheiratete zugelassen.
Trotzdem - der Auftakt ist verheissungsvoll. Die erste Singstunde findet im Januar 1889 statt. Der erste musikalische Leiter des Vereins wird Johannes Wolf, Lehrer an der Wäldenbronner Schule von 1888 bis 1897; bis zu diesem Jahr seines Wegzugs versieht er den Dirigentendienst. Eifrig müssen in dieser Anfangszeit Noten von Hand geschrieben und für die einzelnen Stimmen zu Büchern gebunden werden. Texte und Weisen, wie gestochen in deutscher Schönschrift eingetragen, Titelblätter schwungvoll verziert, sind im „Archiv" erhalten, offenkundig oftmals von Verein zu Verein gegenseitig ausgeliehen; sie berichten noch heute über das Liedgut von damals: Liebeslied und Trauergesang wechseln sich ab, das schwäbische Volkslied ist vertreten, nicht fehlen darf das Trinklied für den Sänger, Jahreszeiten, Berge und Täler der Heimat werden besungen, sehr viele Lieder sind patriotisch, sie preisen das Vaterland und -heute kaum mehr erträglich - das Getümmel der Schlacht. Die Namen der „Liedermacher" fehlen. Im geistlichen Liederbuch finden sich Sonntagslied und Psalmgesang, Konfirmations- und Passionslied, natürlich Erntedank- und schliesslich Grablied. Gelegentlich werden die Tonsetzer erwähnt, beispielsweise D. Oechsle, G. D. Schmied und F. Sucher.
Bescheidene Anfänge gewiss, aber intensive Bemühungen und eine günstige Entwicklung des jungen Vereins! Im März 1897 übernimmt Lehrer Tobias Schweickardt den Dirigentenstab. Nach seinem plötzlichen Tod im gleichen Jahr wird Lehrer Karl Wilhelm Steiner sein Nachfolger-gewissermassen ein „Dreidirigentenjahr" für den Sängerkranz. 1899 tritt der seitherige Vorstand altershalber zurück; an seine Stelle rückt das Gründungsmitglied Immanuel Berner und erreicht eine Satzungsänderung: Auch ledige Männer können nun in die Reihen der Sänger aufgenommen werden. Diese Modernisierung zu Beginn des neuen Jahrhunderts wirkt sich für den Verein sehr günstig aus; die Mitgliederzahlen steigen. Im Jahre 1906 wird Immanuel Berner zum Schultheiss für den Anwaltsbezirk Liebersbronn gewählt; Wiflingshausen und Kennenburg gehören dazu. Er legt zum Jahresende sein Amt nieder. Gleichzeitig gibt auch Chorleiter Steiner den Dirigentenstab in die Hände des Vereins zurück. Als Vorstand folgt Gottlieb Besemer sen., als Dirigent der von Denkendorf nach Liebersbronn versetzte Lehrer Hermann Druffner. Nach diesem einschneidenden Wechsel gibt sich 1907 der Gesangverein endgültig den Namen „Sängerkranz St. Bernhardt-Wiflingshausen" und beschafft eine Standarte. Dieses Symbol seiner Existenz wird zwar nie offiziell eingeweiht, im gleichen Jahr jedoch bei einem Bezirkskriegertag in Wäldenbronn erstmals dem Verein vorangetragen. Musikalisch geht es unter dem Dirigenten Druffner deutlich aufwärts. 1908, zwanzig Jahre nach der Gründung, erfüllt sich der lang gehegte Wunsch, für die Chorarbeit ein vereinseigenes Klavier zu besitzen. Nach und nach wird mehr Geselligkeit gepflegt. In den Jahresprogrammen des Vereins erhalten Herbstund Weihnachtsfeiern sowie Jahresausflüge einen festen Platz. 1911 reist der Verein sogar in die Schweiz.
Eine solche Auslandsreise weist auf eine beginnende wirtschaftliche und soziale Umstrukturierung im Hainbachgebiet hin. Der Weinbau wird allmählich aufgegeben, seine Erträge sind unsicher geworden. Die Landwirtschaft, hauptsächlich Obstbau und geringe Viehhaltung, wird weitgehend als Nebenerwerb von den älteren Familienangehörigen und den Kindern betrieben, während Familienväter und Jungmänner ihr Brot in der aufblühenden Esslinger Industrie verdienen. Die glückliche Entwicklung des Vereins in seinen ersten Jahrzehnten wird jedoch durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges schmerzlich unterbrochen.
Bescheidene Anfänge gewiss, aber intensive Bemühungen und eine günstige Entwicklung des jungen Vereins! Im März 1897 übernimmt Lehrer Tobias Schweickardt den Dirigentenstab. Nach seinem plötzlichen Tod im gleichen Jahr wird Lehrer Karl Wilhelm Steiner sein Nachfolger-gewissermassen ein „Dreidirigentenjahr" für den Sängerkranz. 1899 tritt der seitherige Vorstand altershalber zurück; an seine Stelle rückt das Gründungsmitglied Immanuel Berner und erreicht eine Satzungsänderung: Auch ledige Männer können nun in die Reihen der Sänger aufgenommen werden. Diese Modernisierung zu Beginn des neuen Jahrhunderts wirkt sich für den Verein sehr günstig aus; die Mitgliederzahlen steigen. Im Jahre 1906 wird Immanuel Berner zum Schultheiss für den Anwaltsbezirk Liebersbronn gewählt; Wiflingshausen und Kennenburg gehören dazu. Er legt zum Jahresende sein Amt nieder. Gleichzeitig gibt auch Chorleiter Steiner den Dirigentenstab in die Hände des Vereins zurück. Als Vorstand folgt Gottlieb Besemersen., als Dirigent der von Denkendorf nach Liebersbronn versetzte Lehrer Hermann Druffner. Nach diesem einschneidenden Wechsel gibt sich 1907 der Gesangverein endgültig den Namen „Sängerkranz St. Bern-hardt-Wiflingshausen" und beschafft eine Standarte. Dieses Symbol seiner Existenz wird zwar nie offiziell eingeweiht, im gleichen Jahr jedoch bei einem Bezirkskriegertag in Wäldenbronn erstmals dem Verein vorangetragen. Musikalisch geht es unter dem Dirigenten Druffner deutlich aufwärts. 1908, zwanzig Jahre nach der Gründung, erfüllt sich der lang gehegte Wunsch, für die Chorarbeit ein vereinseigenes Klavier zu besitzen. Nach und nach wird mehr Geselligkeit gepflegt. In den Jahresprogrammen des Vereins erhalten Herbstund Weihnachtsfeiern sowie Jahresausflüge einen festen Platz. 1911 reist der Verein sogar in die Schweiz.
Eine solche Auslandsreise weist auf eine beginnende wirtschaftliche und soziale Umstrukturierung im Hainbachgebiet hin. Der Weinbau wird allmählich aufgegeben, seine Erträge sind unsicher geworden. Die Landwirtschaft, hauptsächlich Obstbau und geringe Viehhaltung, wird weitgehend als Nebenerwerb von den älteren Familienangehörigen und den Kindern betrieben, während Familienväter und Jungmänner ihr Brot in der aufblühenden Esslinger Industrie verdienen. Die glückliche Entwicklung des Vereins in seinen ersten Jahrzehnten wird jedoch durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges schmerzlich unterbrochen.
Zweimal Wiederbeginn
Seit August 1914 befindet sich Deutschland im Kriege mit der halben Welt. Siegesgewissheit am Anfang - das Ende ist bekannt.
Nahezu alle jüngeren Sänger des Vereins werden zum Militär eingezogen und müssen ausmarschieren. Man versucht, mit ihnen Kontakt zu halten. Todesnachrichten bleiben nicht aus. Am Schluss des Krieges hat der Gesangverein zehn Gefallene zu beklagen. Man wendet sich den Angehörigen zu. Zwar sind schon seit Kriegsbeginn keine regelmässigen Singstunden mehr möglich, doch werden öfters einige der „Alten" zusammengerufen, um mit Liedern Gedächtnisfeiern für gefallene Vereinskameraden zu gestalten; wenn sich einmal 16 Sänger einfinden, ist es viel. Im letzten Kriegsjahr 1918 sind von 38 Sängern gerade noch sieben ortsanwesend. Der Vereinsbetrieb ist gänzlich eingestellt.
Vielerlei Enttäuschungen, die Kriegsniederlage, die nachfolgenden Revolutionswirren mit dem Sturz der Monarchien, die Lebensmittel- und Geldverknappung belasten die Menschen in den Anfangsjahren der ungefestigten Weimarer Republik schwer. Die Mangelerscheinungen der unmittelbaren Nachkriegsjahre lassen kein fröhliches Vereinsleben aufkommen.
Ab 1919 tritt zwar wieder eine Reihe neuer junger Sänger dem Verein bei, um - wie es heisst - das Erbe der Väter zu übernehmen. Auch nimmt sich der frühere Chorleiter, Oberlehrer Hermann Druffner, der sangesbereiten Meulinge an. Doch müssen viele kleinere und grössere Hindernisse mühselig überwunden werden. Bitter sind die Verluste der Inflationszeit. Erst ab 1923 geht es auch im Sängerkranz wieder aufwärts. Mit Karl Schlienz wird ein neuer junger Vorstand gewählt. Die Hauptversammlung fasst den wichtigen Beschluss, dem Schwäbischen Sängerbund beizutreten - 35 Jahre nach Gründung des Vereins! In dem jungen Wäldenbronner Lehrer Otto Seitz findet der Verein 1924 einen dynamischen Chorleiter, der es wagt, mit seinen Sängern erstmals an die Öffentlichkeit zu treten - neuer Schwung nach langer Stagnation! Von dem damaligen Spitzen-Duo Schlienz und Seitz muss später noch die Rede sein.
Anstelle der alten Standarte wird eine neue Vereinsfahne beschafft. Die Mitglieder spenden gerne dafür und weihen sie am 24. und 25. Mai 1925 festlich ein. Als 1927 in Plochingen das Sängerfest des Teck-Neckar-Gaus stattfindet, nimmt auch der Sängerkranz erstmals an einem Sängerwettstreit teil und erhält einen 2 b-Preis. (Von weiteren Gesangswettbewerben wird in einem eigenen Abschnitt berichtet.)
Der Aufwärtstrend hält an; man fühlt sich noch im gleichen Jahr zur Anschaffung eines neuen Flügels ermutigt, der das zwanzig Jahre alte Vereinsklavier ersetzt. Leichter als die Nachkriegsnöte übersteht der Verein die Zeit der Weltwirtschaftskrise 1928/29; unvermeidliche Einschränkungen sind zu ertragen. Mit Rücksicht auf die verschlechterte Lage wird 1928 auf ein grösseres Fest zum 40jährigen Bestehen verzichtet, 1932 kein Sommerfest abgehalten und wegen der grossen Arbeitslosigkeit der Beitrag herabgesetzt, wobei auch der Chorleiter „dem Verein weitgehend entgegenkommt..."; doch der Verein lebt und arbeitet. Beweis: Er riskiert am 25. Oktober 1931 einen Volksliederabend „im Saalbau Welz zur Traube in Wäldenbronn"-sogar ungewohnterweise „in Stuhlform"! Und 500 (!) Zuhörer spenden reichlich Beifall. (Das Gebäude, neben der Kelter gelegen, steht heute nicht mehr).
Am 30. Januar 1933 kommen die Nationalsozialisten an die Macht. Die Situation in ganz Deutschland wird von Grund auf verändert. Die demokratischen Verhältnisse der Weimarer Republik werden Zug um Zug in die totale Diktatur umgewandelt. Die Wirtschaft wird „angekurbelt". Nur wen ige erkennen zunächst, dass mit Aufrüstung, Autobahnbau und anderen Massnahmen auf einen neuen Krieg hingearbeitet wird. Die Machthaber dehnen ihre Herrschaft je länger desto mehr in alle gesellschaftlichen Bereiche aus. Auch die örtlichen Parteileiter versuchen, Einfluss auf das Wirken der verschiedenen Vereinigungen zu nehmen. Doch scheint es, dass der Verein nur selten und nicht einschneidend behelligt wird. Schwerste Gewissensentscheidungen werden offenbar nicht abverlangt, auch wenn beispielsweise „infolge nationaler Revolution" am 1. Mai 1933 hinter einer Hakenkreuzfahne vom Schulhaus Wäldenbronn zum Ehrenmal am St. Bernhardter Friedhof hinaufmarschiert werden muss - vor der Maifeier findet ein Vormittagsgottesdienst im Kirchle statt. Die „Gleichschaltung" des Vereins soll vollzogen werden; seine Führung soll ausschliesslich aus Mitgliedern der Partei bestehen. Also treten die Vorstandschaft und der Ausschuss geschlossen zurück. In der Hauptversammlung 1933 erhalten jedoch die gleichen Personen erneut die nötigen Wahlstimmen, der gesamte Ausschuss wird per Akklamation wiedergewählt; die geforderte Prozedur ist unauffällig erledigt. Als es um die Einführung des „Deutschen Grusses" geht, wird erklärt, dass der „deutsche Sängerbund von jeher eine nationale Gesinnung hatte" - es bedarf anscheinend (wenigstens im Augenblick) keines besonderen Bekenntnisses. Verständlich, dass der Verein hin und wieder an festgesetzten Veranstaltungen teilnehmen muss: Er singt bei einem Feldgottesdienst am Erntedanktag 1933 und auch in folgenden Herbsten auf dem Kelterplatz in Wäldenbronn; erwirkt 1934 bei einem Zellenabend der Deutschen Arbeitsfront im Vereinslokal Traube in St. Bernhardt mit; er nimmt mit Fahne am Maiaufmarsch 1935 in der Stadt Esslingen teil; er muss sich im Juli 1938 wie die Schule und sämtliche Vereine am gemeinsamen Kinderfest der Ortsgruppe Hohenkreuz der NSDAP auf dem Wäldenbronner Keltergelände beteiligen und beim Fackelzug derselben Parteigruppe am Abend des 19. April 1939 mitziehen; trocken vermerkt das Protokoll, dass ein Konzert für das Winterhilfswerk beschlossen wird, und auch stattfindet, am 4. März 1934 in der Wäldenbronner Traube; gewitztes Taktieren verzögert im gleichen Jahr die Ausführung einer Verfügung des Arbeitsamts Esslingen, nur noch Berufsmusiker als Dirigenten anzustellen; der Verein hält seinen Chorleiter bis zu dessen Wegzug aus dienstlichen Gründen. Unsicherheiten und Zwangslagen ergeben sich in der Vorkriegsphase des Dritten Reiches von Zeit zu Zeit, jedoch keine Zerreissproben im Verein.
Er kann die abträglichen Folgen des Ersten Weltkrieges überwinden und sich relativ ungehindert entfalten. Auch gesellige Veranstaltungen finden längst wieder regelmässig statt. Die Sänger trauen sich grössere Aufführungen zu, sogar Haydns Oratorium „Die Schöpfung" (1932); sie singen mit Schneid bei Wettbewerben um Preise, wenn auch mit wechselnden Erfolgen. Sie nehmen an den Schwäbischen Liederfesten in Ulm (1929) und in Stuttgart (1938) teil. Begeisterte Gruppen fahren zu den Deutschen Sängerfesten in Wien (1928), Frankfurt am Main (1932) und Breslau (1937). Über diese Höhepunkte im Leben des Gesangvereins ist noch gesondert zu berichten, ebenso über das 50jährige Vereinsjubiläum.
In knapp zwei Jahrzehnten ist ein beachtlicher Wiederaufbau geglückt. Nun droht dem Verein abermals ein Zusammenbruch durch den im September 1939 ausgelösten Zweiten Weltkrieg.
Schon in den ersten Kriegsmonaten werden sieben aktive und drei passive Mitglieder zur Wehrmacht einberufen. Zu Weihnachten 1939 wird jedem von ihnen vom Verein ein Brief aus der Heimat mit einem kleinen Geldgeschenk ins Feld geschickt. Eine Weihnachtsfeier findet nicht statt. Ein Jahresprogramm für die Vereinstätigkeit wird ab 1940 nicht mehr aufgestellt. Singstunden können nur noch von Fall zu Fall gehalten werden. Weitere Einberufungen folgen. Im Dezember werden bereits 14 Päckchen für die Soldaten gepackt und versandt. Heimaturlauber erhalten öfters mal fünf Mark aus der Vereinskasse. Gerührt liest man im Protokoll, wie angesichts der immer härter werdenden Lebensverhältnisse in den weiteren Kriegsjahren versucht wird, den eingezogenen Vereinskameraden Verbundenheit zu zeigen. Als der Sängerkranz 1942 und 1943 die ersten Gefallenen zu beklagen hat, wendet man sich den betroffenen Angehörigen zu. Die Hinterbliebenen von verheirateten Mitgliedern erhalten aus der Vereinskasse 30 Mark, Hinterbliebene von ledigen Sängern 20 Mark - gewiss nur kleine Hilfe in grossem Leid, aber doch Ausdruck einer echten Solidarität in der Vereinsfamilie, ein Zug von Menschlichkeit in brutaler Zeit. Die ständigen Fliegeralarme der Jahre 1943 bis 1945 erlauben keinerlei Vereinstätigkeit mehr. 1944 sind nur noch wenige Sänger nicht einberufen. Gelegentlich greift man auf alte und passive Mitglieder zurück, um bei Gedenkstunden singen zu können. Obwohl das Vereinsleben erlegen ist, versucht man am 10. Februar 1945 eine Hauptversammlung abzuhalten. Nur wenige Anwesende sind zu begrüssen. Sie können keine Beschlüsse fassen. Die gesamte Kriegslage hat sich nicht nur aufs äusserste verschärft, sie ist aussichtslos geworden. Am Samstag, 21. April 1945, gegen zwanzig Uhr, dringen amerikanische Panzerspitzen, vom Remstal kommend, durch die Filialorte in die Stadt Esslingen ein und beenden für die hiesige Region den Krieg. Der Zusammenbruch ist vollständig. Trotzdem meint man, ein allgemeines Aufatmen aus den Zeilen des Protokolls herauszuhören. Freilich trauert der Verein um sieben Kriegstote; zwei Freunde bleiben vermisst; nicht wenige Sangesbrüder befinden sich in Gefangenschaft, von denen einer dort verstirbt.
Die Frage, die alle Überlebenden im Lande bewegt, stellt sich auch den verbliebenen Vereinsangehörigen: Wie kann man aus einer vollkommenen Lähmung wieder herausfinden? Zaghaft, fast unbeholfen erscheinen die ersten Versuche; dennoch sind sie beeindruckend, bedenkt man die elenden Zustände der Nachkriegsjahre. Man sucht sich gegenseitig auf; man beginnt alte Bindungen wiederherzustellen, neue zu knüpfen. Erst-oder schon?-am 2. Februar 1946 kommt es zu einer Generalversammlung, die wieder zahlreicher besucht ist. Sie kann, wie die Zukunft erweisen wird, wichtige Beschlüsse für einen Neubeginn des Vereinslebens fassen. Vereinsleitung und Ausschuss werden völlig neu gewählt. Der bisherige verdienstvolle Vorsitzende kann sein Amt nicht weiterführen und gibt es in die Hände seines langjährigen Stellvertreters Emil Köble, dessen Bruder Wilhelm Köble aus Hegensberg vorläufig die Chorleitung übernimmt, da die Verbindung zum früheren Dirigenten Willy Schulze aus Stuttgart durch die Kriegsereignisse gänzlich verloren gegangen ist. Man hofft auf heimkehrende und neue Sänger und möchte die Singstunden sofort wieder aufnehmen. Mit Genehmigung der amerikanischen Militärregierung findet die erste Chorprobe am 8. Februar statt. Sie muss in der Wäldenbronner Schule gehalten werden. Das Vereinslokal in der Traube in St. Bernhardt ist noch durch Soldaten belegt, die nicht in ihre Heimat zurückkehren können. Bei einer Hochzeitsfeier wird am 11. Mai zum ersten Mal öffentlich gesungen in Kirche und Gasthaus. Um sich näher zu kommen, findet am Himmelfahrtstag ein gemeinsamer Spaziergang nach Aichschiess statt. Neue Mitgliederfinden den Weg zum Verein. Vollzählig beteiligen sich die Sänger an einem Grabgesang im Juli. Und erstmals trifft sich die Vereinsfamilie zu einer Weihnachtsfeier am 29. Dezember im alten Schulhaus Wäldenbronn. Seine unzureichenden Räumlichkeiten beeinträchtigen zwar die Darbietungen-Gedichte, Ziehharmonikaspiel, Chor- und Sologesang -; spürbar ist jedoch der Wille, sich zusammenzuschliessen, um sich gemeinsam aus der Not herauszuarbeiten. Bescheidene Gaben werden verteilt, und die Angehörigen der elf Mitglieder, die noch in Kriegsgefangenschaft gehalten werden, bekommen zwanzig Mark-wiederum ein Zeichen mitfühlender Verbundenheit. Geldgeschenke an Frauen von Gefallenen und Gefangenen gibt es auch 1947. Als 1947 die ersten Gefangenen heimkommen, begrüsst sie der Verein mit Gesang. Er macht es sich zur Pflicht, jedem ortsansässigen Heimkehrerein Ständchen zu bringen. 1948 wird an sechs Tagen für neun Männer gesungen. Insgesamt sieben Spätheimkehrer werden 1949 und 1950 mit Liedern willkommen geheissen. Erfreulicher-weise treten 1946/47 fünfzehn Mitglieder ein. 1948 werden nochmals zwölf neue Sänger begrüsst. Ausserdem kann die Dirigentenfrage längerfristig gelöst werden. Nach Probesingstunden mit drei Kandiaten entscheidet sich der Chor für Willi Scheu aus Esslingen.
Bedeutungsvollstes Ereignis des Jahres 1948 ist jedoch die Währungsreform im Gebiet der heutigen Bundesrepublik Deutschland. Zwar schmilzt durch die Umstellung der Kassenbestand auf wenige neue Deutsche Mark zusammen. Die kritische Finanzlage erlaubt kein Fest zum 60jährigen Bestehen. Der Vorstand gibt lediglich einen Rückblick auf die verflossenen Jahrzehnte, in denen schwere Erschütterungen überstanden wurden. Doch ist deutlich zu erkennen, dass Zuversicht und Unternehmungsgeist wieder vorhanden sind. Erstaunlich rasch hat sich der Verein erholt und besitzt die nötigen Kräfte, um neue Pläne zu entwickeln und für die Zukunft Initiativen zu ergreifen. Bald wird sich's zeigen!
Grosse Gemeinschaftsleistungen
Der erste Wurf gelingt dem Sängerkranz bereits zwei Jahre nach der Währungsreform. Der lang gehegte Wunsch, eigenen Grund und Boden zu besitzen, erfüllt sich. Schon in der Vergangenheit hatte das Vereinsmitglied Ernst Fischle seine Baumwiese an der alten Talstrasse in St. Bernhardt für sommerliche Veranstaltungen als Festplatz zur Verfügung gestellt. Nun bietet sich die Gelegenheit, ein anderes Privatgrundstück zu kaufen. Am 21. Oktober 1950 beschliesst eine ausserordentliche Mitgliederversammlung in geheimer Abstimmung mit 59 gegen 3 Stimmen, das angebotene Gelände als Vereinsgarten zu erwerben: Eine landschaftlich hübsch gelegene, 30 ar grosse Fläche mit einem massiv gebauten Häuschen an einem kleinen See. Um geschäftsfähig zu sein, muss der Sängerkranz offiziell ins Vereinsregister des Amtsgerichts aufgenommen werden - jetzt endlich wird er im juristischen Sinne ein Verein! Der Antrag wird gestellt, zuvor die gesamte Vorstandsschaft formell neu gewählt. Schon am 30. Oktober kann der Kaufvertrag unterzeichnet werden. Der Kaufpreis beträgt 6000 DM. Trotz des schon wieder ordentlichen Kassenbestandes müssen mit Fantasie und Opfersinn Mittel beschafft werden. Die Mitglieder sind bereit, zahlreiche Gutscheine zu je 10 DM zu kaufen, die in späteren Jahren durch Auslosung wieder erstattet werden sollen. Auch Spenden werden aufgebracht. Vor allem aber leisten die Mitglieder Hunderte von freiwilligen Arbeitsstunden, um den Vereinsgarten idyllisch zu gestalten. Mit grosser Freude und verständlichem Stolz wird er am 17. Juni 1951 eingeweiht. Durch Wiflingshausen und St. Bernhardt zieht der Festzug zum Vereinsgarten. Ein Herold reitet voraus, eine Radfahrergruppe mit geschmückten Rädern folgt, der Musikverein Wäldenbronn spielt auf, benachbarte Gesangvereine, der Turn- und Sportverein und die Feuerwehr Wäldenbronn ziehen mit. Im Talgrund wird der schattige Platz durch Vorstand Emil Köble seiner Bestimmung übergeben. Dem heissen Tag folgt ein stimmungsvoller Abend, als rings um den See die Lampions erstrahlen und sich im Wasser widerspiegeln. Nun können Sommer- und Kinderfeste im eigenen Bereich stattfinden. Der Verein erwirbt die Wirtschaftskonzession und kann seine Gäste bewirten. Alljährlich im Mai wird fortan der Wirtschaftsbetrieb für die Wochenenden der Sommermonate eröffnet. Immer wieder füllt sich der Garten mit Besuchern. Hauptkassier Wilhelm Schlienz hat reichlich zu tun als Verantwortlicher im Haus am See - die Buchführung muss stimmen! 1955 erhält er für seine geschickte Geschäftsführung stehende Ovationen in der Hauptversammlung, und schon 1956 wird eine gesunde Finanzlage ausdrücklich festgestellt. Aber nicht nur wirtschaftlich hat sich die gemeinschaftliche Anstrengung gelohnt. Neben der Zufriedenheit über den Erfolg ist die Freude an einer eigenen Vereinsheimat das vorherrschende Gefühl.
Der zweite Wurf ist zugleich die grösste Gemeinschaftsleistung des Sängerkranzes. Ein Verein mit 130 bis 140 Mitgliedern baut ein respektables Sängerheim! Wohl ist der Bauplatz auf dem Vereinsgarten vorhanden. Übersteigt ein solches Projekt nicht trotzdem alle Mittel und Kräfte? Man ist erstaunt, verfolgt man die Baugeschichte!
Immer wieder sind Veranstaltungen unter freiem Himmel den Unbilden der Witterung ausgesetzt. Zelte müssen Gewitterstürmen und Regenschauern standhalten. Man will jedoch auch die grösseren Festveranstaltungen zum 75jährigen Jubiläum 1963, über das noch zu berichten ist, auf dem vereinseigenen Gelände abhalten und beschliesst deshalb schon 1961, das Häuschen abzubrechen und den See zuzuschütten. Der Abbau erfolgt am 15. November 1962; auch bei der Auffüllung des Sees helfen viele Vereinsangehörige. Der Wunsch, eine feste Heimstätte zu besitzen, verstärkt sich nach den Festtagen. Die Opfer-und Arbeitsbereitschaft der Mitglieder und Gönner des Vereins ist aussergewöhnlich gefordert. Ohne anhaltendes eigenes Engagement ist das Werk nicht zu schaffen. Im Vertrauen darauf geht der 1964 neu gewählte Vorstand Eduard Jahn an die Realisierung. Die Hauptversammlung beauftragt den Ausschuss, einen Bauplan für das Vereinsheim erstellen zu lassen, die Kostenfrage zu klären und die Finanzierungsmöglichkeiten zu prüfen. In den Sitzungen und Versammlungen des Frühjahrs 1965 werden Bauplan und Modell des Sängerheims besprochen. Grösse und Kosten sind beachtlich. Erneut wird deutlich, dass die Ausführung nur möglich ist, wenn alle Mitglieder Hand anlegen. Doch stimmt die Generalversammlung zu; das Baugesuch wird bei der Stadt Esslingen eingereicht. Dass der bisherige Pächter der Traube in St. Bernhardt, die dem Verein seit seiner Gründung als Vereinslokal für die Singstunden und andere Zusammenkünfte gedient hat, den Wirtschaftsbetrieb aufgibt und die Gaststätte geschlossen wird, gibt dem Bauwillen zusätzliche Anstösse. Zum letzten Mal probt man beim seitherigen Gastgeber Rudolf Oleak am 1. Oktober 1965. Man findet zwar schon ab 8. Oktober ein Unterkommen im Grünen Kranz in Wiflingshausen, bemüht sich aber umso intensiver um die Baugenehmigung und freut sich über den reichlichen Eingang von Spenden. Tatsächlich kann am 1. Oktober 1966 mit der Ausgrabung begonnen werden. Notwendige Maschinen stellt die Baufirma Besemer zur Verfügung, im übrigen sind nun die Sänger dran. Freiwillig arbeiten sie bei Wind und Wetter Tag für Tag, jeden Abend bei Scheinwerferlicht, auch an den Samstagen, und bis zum Jahresende ist der grösste Teil der Grundmauern erstellt. Die organisatorische Leitung aller Bauarbeiten liegt in den Händen des Hauptkassiers Wilhelm Schlienz. Seine Energie kommt dem Bauvorhaben in besonderer Weise zugute. Im Rahmen einer kleinen Feier wird am Sonntag, 9. April 1967, der Grundstein gelegt. Der Vorsitzende Eduard Jahn spricht seinen Dank aus, dem Architektenteam, den grosszügig helfenden Baufirmen und insbesondere der grossen Schar zupackender Mitglieder. In den Grundstein wird neben einer Ausgabe der Esslinger Zeitung, die den Termin der Grundsteinlegung bekanntgibt, und einigen Münzen heutiger Währung die folgende Urkunde eingelegt:
„Den Gründern und allen Toten des Vereins zum Gedenken.-Den Aufgaben und Zielen des Vereins in der Gegenwart verpflichtet. -Unserer Jugend und den nach uns kommenden Generationen als Mahnung und Aufforderung zur Pflege und Erhaltung des Chorgesangs - soll hier eine bleibende Heimstätte des deutschen Liedes erstehen. Mit dem Bauwerk, das zum grössten Teil durch Eigenleistung errichtet werden muss, wurde am 1. Oktober 1966 begonnen; es ist getragen und beseelt von dem Willen, der Tatkraft und Opferbereitschaft der Mitglieder; bis heute sind auf dieser Grundlage 3400 Arbeitsstunden geleistet worden. In dem Wissen und der Erkenntnis, dass all unser Tun Gottes Segen bedarf, erbitten wir auch für den weiteren Fortgang und die glückliche Vollendung der Arbeiten den Schutz und die Hilfe des Allmächtigen. So wachse dieses Werk einer glücklichen Zukunft entgegen, begleitet von unseren Wünschen, dass es künftig stets Menschen beherbergen möge, die dem Lied und Gesang aufgeschlossen sind!"
Der Bau schreitet voran. Schon am 15. Juni 1968 eröffnet das neue Pächterehepaar, Familie Gerhard Etzel, die Vereinsgaststätte. Die Waldhornbrauerei Plochingen hatte von Anfang an zu ihrer Errichtung beigetragen und für die Vorstellungen des Vereins Verständnis gezeigt. Das vollendete Gesamtbauwerk kann sich sehen lassen: Der grosse Gastraum im Erdgeschoss, der durch eine Trennwand teilbar ist, kann bei aufgelockerter Tischordnung rund 200 Gäste aufnehmen. Eine neuzeitliche Küche und sämtliche Nebenräume sind vorhanden. An das Lokal schliesst sich eine vollautomatische Kegelbahn an. Im ersten Stock des Gebäudes befindet sich die Wohnung für den Pächter. Auf der rund 25 ar grossen Fläche um das Vereinsheim sind Parkplätze angelegt, und noch steht das Wahrzeichen des früheren Vereinsgartens, die alte grosse Trauerweide.
Im Rahmen des mehrtägigen Sommer- und Kinderfestes wird am Samstag, dem 20. Juli 1968, das Sängerheim offiziell eingeweiht. Zahlreiche Gäste füllen das Festzelt und besichtigen die neuen Räumlichkeiten. Auch das Stadtoberhaupt, Oberbürgermeister Eberhard Klapproth, ist anwesend. Wieder hat der Vorsitzende Eduard Jahn reichlich Anlass zu danken. Er tut es in seiner Festansprache. Erschliesst in seinen Dank alle Baufirmen und Handwerksbetriebe ein, die mitgearbeitet haben, sowie die Architekten Gerhard Eberspächer und Bruno Fischer, die das Bauwerk nach modernen Gesichtspunkten zweckdienlich entworfen, harmonisch in die Landschaft am Hainbach eingeordnet, ihren Sachverstand und ihre Zeit uneigennützig zur Verfügung gestellt haben. Er erwähnt, dass ohne die Gewährung eines Darlehens durch die Wäldenbronner Bank und das Wohlwollen vieler Freunde und Gönner die Finanzierung des Vorhabens nicht hätte sichergestellt werden können. Er hebt jedoch hervor, dass der weitaus überwiegende Teil des Vereinskapitals aus der Eigenleistung, also aus Arbeitsbereitschaft und Opferwillen der Mitglieder besteht, unter denen alle Berufe vertreten sind, die sich beim Bauen nützlich machen können - eine besonders glückliche Voraussetzung für die mittlerweile erbrachten 18200 Arbeitsstunden! Dabei haben die Sängerden Gesang keineswegs vernachlässigt! Der Chor unter der Leitung von Erwin Sauer umrahmt mit wohl eingeübten Vorträgen die Einweihungsfeier, der am Sonntag das Sommer- und Kinderfest folgt. Am Montag bildet ein Bunter Abend mit dem Rundfunkfritzle den Ausklang. Im 80. Jahr seines Bestehens hat der Sängerkranz durch eine nicht alltägliche Gemeinschaftsleistung ein lang ersehntes Ziel erreicht.
Besondere Feste und Jubiläen
Liederfeste und Chortage, Sängertreffen und Jubiläumsfeiern sind herausragende Ereignisse im Leben eines Gesangvereins. Die Teilnahme bleibt für den einzelnen Sängereine unauslöschliche Erinnerung. Die Vorbereitungszeiten sind ausgefüllt mit vielerlei Aktivitäten. Geht es gar zum Wettbewerb, wird über das normale Mass hinaus geprobt. Konzentration ist verlangt, gross ist die Anspannung. Seitenlang berichten pflichtbewusste Protokollführer, zum Teil mit Laune und Humor, wie es bei solchen Grossveranstaltungen den teilnehmenden Sangesbrüdern ergeht und wie der Sängerkranz bei manchem Wertungssingen abschneidet. Einige Höhepunkte seien herausgegriffen.
Eine spannende Angelegenheit ist das 32. Schwäbische Liederfest in Ulm im Juni 1929. In langen Debatten hatten sich Dirigent und Chor Mut zugesprochen, am Preissingen teilzunehmen. Mit Hingabe war geübt worden. Nun fühlt man sich gerüstet und erreicht per Bahn die Feststadt. Das frisch verheiratete Dirigentenehepaar ist vorausgereist und begrüsst die Sänger schon am Ulmer Bahnhof. Notbetten in einer Schule müssen über eine kalte und laute Nacht hinweghelfen. Die sanitären Verhältnisse sind wenig erfrischend. In Bäckereien und Gasthöfen muss man sich aufwärmen, in der Turnhalle nochmals proben. Der Gesang klingt ausgezeichnet, man hofft auf einen Preis, erst recht nach dem Auftritt im Stadttheater. Die strapazierten Sänger erholen sich bei Symphonie- und Chorkonzerten, bei Kaffee, Wein und Gerstensaft. Die Ernüchterung folgt anderntags, der Preis bleibt versagt. Ein unehrliches Preisgericht? Oder müssen die Guten einsehen, dass Bessere gewonnen haben? Heimfahrt ohne Sang und Klang, enttäuschte Angehörige holen die erfolglosen Sänger am Esslinger Bahnhof ab. Erst die Nachfeier am nächsten Abend im eigenen Lokal heilt alle Wunden.
„Geschlagen ziehen wir nach Haus, unsere Enkel fechten's besser aus“
Sie tun es tatsächlich, dreissig Jahre danach, ebenfalls in der Donaustadt beim 35. Schwäbischen Liederfest, wo der Einsatz der Sänger bei der Gauchorfeier und fünf Sonderkonzerten als vorbildlich bezeichnet wird.
Nun ja- zwischenzeitlich wird nach der ersten Ulmer Erfahrung eine Teilnahme am Schwäbischen Liederfest 1934 in Heilbronn strikt abgelehnt. 1938 hat der Chor wieder Tritt gefasst und erringt beim Schwäbischen Liederfest in Stuttgart unter Chorleiter Willy Schulze im einfachen Volksgesang einen 1. Preis. Dreissig Sänger und ein passives Ehrenmitglied beteiligen sich-drei Jahrzehnte nach der damaligen Abstinenz - beim 36. Liederfest des Schwäbischen Sängerbundes 1964 in Heilbronn, sind eine starke Stütze bei der Gauchorfeier des Karl-Pfaff-Gaues, rühmen den Heilbronner Wein, sprechen ihm reichlich zu und heften mit berechtigtem Stolz eine Ehrenplakette an die Vereinsfahne.
Besonders nachhaltige Eindrücke hinterlassen bei den Teilnehmern die grossen Deutschen Sängerfeste. Schade, dass der begeisterte Bericht des Schriftführers über die Reise nach Österreich und den Aufenthalt in Wien im Jahre 1928 nicht in Originalfassung wiedergegeben werden kann! Die Fahrt im Sängersonderzug, die Stadtrundfahrt zu den Sehenswürdigkeiten der Donaumetropole, die Teilnahme am vielstündigen Festzug und an der Hauptaufführung, bei der etwa 60 000 Sänger ihre Stimmen erschallen lassen - die elf Teilnehmer, unter ihnen Vorstand und Dirigent, sind einfach überwältigt.
Auch 1932 in Frankfurt am Main beteiligt sich eine Abordnung des Sängerkranzes. Es fasziniert sie die Stadt, sie singen mit bei der Hauptaufführung des Schwäbischen Sängerbundes unter Leitung von Bundeschormeister Wilhelm Nagel in der Frankfurter Festhalle vor 6000 Zuhörern. „Muss i denn zum Städtele hinaus..." ist in ganz Deutschland im Radio zu hören, wenn auch Gewitterschauer gleichzeitig den Festplatz unter Hochwasser setzen und die Feuerwehr einspringen muss. Die Marschierer kommen beim Festzug in völlig verstopften Strassen ins Gedränge und fahren erschöpft nach Hause, doch des Berichtens ist kein Ende. Es wird auch nicht verschwiegen, dass man beinahe nicht mehr an die abgestellte Vereinsfahne gekommen wäre...
Sieben wackere Schwaben wagen 1937 die weite Reise zum Deutschen Sängerfest nach Breslau und berichten danach der Vereinsfamilie mit Lichtbildern von ihren Erlebnissen in der schlesischen Feststadt, von der abendlichen „Deutschen Weihestunde" im grossen, von den Scheinwerfern erleuchteten Stadion, wo über 100000 Sänger ihre Chöre in die Sommernacht hineinsingen, vom Festzug, der sie anderntags am damaligen Führer und Reichskanzler vorbeiführt- die Nationalsozialisten, gerade auf der Höhe der Macht, verstehen es ja, solche Veranstaltungen für ihre Propagandazwecke auszunützen -, von ihrem Abstecher nach Dresden und in die Sächsische Schweiz.
Während des Deutschen Sängerfestes in Stuttgart, das 1956 stattfindet, sind viele auswärtige Sänger bei Vereinsangehörigen des Sängerkranzes privat einquartiert. Neue Sängerfreundschaften werden geschlossen.
Auch beim Deutschen Sängerfest in Essen werden 1962 neue Verbindungen zu Gesangvereinen im westfälischen Raum geknüpft. Und nebenbei: Die 19köpfige Teilnehmergruppe lässt sich fotografieren vor einer grossen Hinweistafel des Sängerbundfestes mit der Einladung zu einer Ausstellung „Hundert Jahre Deutscher Sängerbund und die Singenden in der grafischen Kunst" -sie hält die traditionelle Vereinsfahne mit dem bunten Bild des St. Bernhardter Kirchleins in den Händen... - Im Jahre 1976 fährt jedoch niemand zum Bundesfest nach Berlin. Die Kosten sind zu hoch, der Termin liegt ungünstig -auch das kommt vor bei einem vielbeschäftigten Verein.
„Erst die Arbeit, dann der Lohn" gilt erst recht vor Gauchortagen und bei Wettbewerben im regionalen Bereich. Hier gilt es, sich mit dem einstudierten Liedgut dem heimischen Publikum und kritischen Preisrichtern zu stellen.
1930 geht's zum Gausängerfest nach Köngen. Festreiter und Musikkapelle holen die Wettkämpfer schon am Bahnhof Wendungen ab. Regenwetter trübt die Stimmung. In einer kleinen Wirtschaft gibt's ein gutes Viertele, das Vesper ist nicht nach Geschmack. Weiteres Pech folgt. Auf der Tribüne im schönen Gemeindegarten kann nicht gesungen werden. Das Wettsingen wird ins Brauereizelt verlegt. Das Preislied „Sturmbeschwörung" (von J. Dürrner) passt zwar haargenau zum starken Dauerregen, doch muss der Chor zweimal anfangen; er erntet trotzdem reichen Beifall. Nicht nur der Preis fällt ins Wasser. Auf dem Heimweg rutschen an einem kleinen Wehr bei der Köngener Brücke auch einige Sänger aus, die ihre schmutzigen Stiefel blank putzen wollen; sie „tragen ein nasses Hinterteil und etwas von dem saftigen Grün des Wehres am Anzug davon". Humor ist, wenn man trotzdem lacht!
1954 beteiligt sich der Verein am Wertungssingen beim 1. Gauliederfest des KarlPfaff-Gaus in Kirchheim/Teck. Dirigent und Chor stellen sich wagemutig der Prüfung im gehobenen Volksgesang. Frisch gewagt ist halb gewonnen, leider nicht ganz. Die A-capella-Interpretation des schwierigen Chorwerks „Media vita" von K. Lissmann gelingt nur mässig. Zwar wird dem Chor „dynamische und farbige Darstellungskraft" bestätigt, doch wird die Intonation bemängelt. Die Note „befriedigend" will niemand recht befriedigen...
Anders nach einem Dirigentenwechsel beim Gausängerfest 1958 in Köngen! Anfahrt diesmal mit dem Bus; wieder regnet es in Strömen -wie vor 28 Jahren. Doch stört der Regen weder bei der Fahrt noch beim Preisgesang im grossen Festzelt. Der Chor erhält beim höheren Volksgesang die Note „gut"; sie wird zuhause mit Freibier gefeiert.
Und die Erfolgsserie wird fortgesetzt. Beim Wertungssingen zum 100jährigen Jubiläum des Sängerbundes RSK in Sulzgries erringt der Verein 1959 einen 1. Preis. Beim Gau liederfest 1962 in Oberensingen hinterlassen die 45 Sänger mit dem „Rheinischen Fuhrmannslied" von P. Zoll einen „hervorragenden Eindruck" bei der Jury. Bei den Gauchortagen 1982 in Berkheim findet das Konzert des Sängerkranzes eine „gute Kritik". Beim „ungewöhnlich anstrengenden Vergleichssingen" während des Gauchorfestes in Zell 1984 hat der Verein einen besonders „zufriedenstellenden Auftritt"; er belegt den 4. Platz unter 19 konkurrierenden Männerchören. Er sammelt weitere Pluspunkte während der Gauchortage im Herbst 1986 in Bissingen, wo er fünf Chöre „gut" vorträgt.
Verständlich, dass es im Laufe von hundert Jahren Schwankungen im musikalischen Leistungsstand eines Gesangvereins gibt. Die Zeiten ändern sich, Sängergenerationen lösen sich ab, Dirigenten wechseln. Des öfteren erreicht jedoch der Sängerkranz ein beachtliches Niveau, und immer wieder folgen auf „saure Wochen frohe Feste".
Dies gilt vor allem für die Jubiläumsveranstaltungen zum 50jährigen Bestehen im Jahre 1938 und zum 75jährigen im Jahre 1963.
Es ist reizvoll, die beiden Festlichkeiten in so verschiedenen Epochen miteinander zu vergleichen. Beide Vorhaben motivieren die Vereinsmitglieder zu gemeinschaftlichen Höchstleistungen. Bau, Wirtschafts-, Vergnügungs- und Dekorationsausschüsse werden gebildet; 1963 kommt ein Musikausschuss hinzu. Sie vollbringen mit den Mitteln ihrer Zeit kleine Wunder an Organisation. 1938 übernehmen zwei Mitglieder, Zimmermeister Emil Besemer und Schlossermeister Wilhelm Schlienz, den Aufbau des Festzeltes; Ausmass 10 auf 30 Meter. Es wird im Mai bei ausgesprochenem Aprilwetter im Garten des Mitglieds Friedrich Berner an der Talstrasse in St. Bernhardt errichtet. 1963 wird ein grosses Festzelt zum Vereinsgarten herangefahren; zwei Tage dauert die Aufstellung. Alle Vorbereitungen verlaufen diesmal planmässig, während 1938 der Festtermin um drei Wochen vorverlegt werden muss, was eine „fieberhafte Tätigkeit" auslöst. Ausserdem erkrankt der Vorsitzende schwer. Der stellvertretende Vorstand Emil Köble gibt in seiner Festansprache erstmals einen Rückblick über die Geschichte des Vereins. Karl Schlienz wird sie 1963 als Ehrenvorstand schriftlich abfassen. Er hält dann auch den Rekord mit 54 Jahren aktiver Sängertätigkeit im Verein und wird die Nagelplakette des Schwäbischen Sängerbundes in Empfang nehmen - eine aussergewöhnliche Ehrung wie 1938 die Verleihung der bronzenen Zelter-Plakette durch die Reichsmusikkammer für den 50jährigen Gesangverein.
In beiden Gedenkjahren sind drei Tage für die Jubiläumsfeiern vorgesehen, 21 .-23. Mai 1938 und 6.-8. Juli 1963; Festkonzert jeweils am Samstagabend, Festzug und Festakt am Sonntagnachmittag, Kinderfest und Ausklang am Montag - Gemütliches Beisammensein 1938 und Grosser Bunter Abend mit Stargast Oskar Müller vom Süddeutschen Rundfunk 1963.
Die musikalischen Programme sind reichhaltig und anspruchsvoll; sie sind mit Liebe und Sachkenntnis zusammengestellt; ein Blick auf die Drucke von einst lohnt sich noch heute. Der erste Teil ist jeweils grossen Meistern gewidmet; Chöre von Beethoven und Wagner, von Mozart, Schubert und Schumann werden mit Begeisterung vorgetragen. Im zweiten Teil erklingen Volkslieder. Jedes mal bereichern namhafte Vokal- und Instrumentalsolisten die festlichen Aufführungen. Wahrhaftig - die Darbietungen können sich hören lassen, 1938 unter der Leitung von Willy Schulze, von Erwin Sauer 1963. Jedes mal wirken befreundete Gastvereine beim Festgesang mit. Beide mal nimmt die Bevölkerung regen Anteil. Die Zelte sind mit Gästen überfüllt; sie können nicht alle Interessierten aufnehmen. 1938 erscheint auch ein Vertreter der NSDAP-Ortsgruppenleitung - als Hörer, nicht als Redner. 1963 findet der Schirmherr, Oberbürgermeister Dr. Roser, anerkennende Worte für das kulturelle Wirken des Sängerkranzes. Beim ersten Fest stiften die Frauen des Vereins eine Fahnenschärpe mit Festaufschrift. Beim zweiten geht dem Verein manch' inhaltsreiches Kuvert zu - gut so; bekanntlich denkt man schon an den Bau eines Sängerheims. Nicht ohne Grund: Bei beiden Terminen bangt man ums Wetter. Sprühregen weicht 1938 den Wiesenboden auf, der Festzug marschiert mit aufgespannten Schirmen vom Rotenackerweg zum Festplatz, Bierkrüge werden in Waschkesseln angewärmt, und gute „Viertele Mettinger" kommen der Kälte bei. 1963 herrscht sommerliche Hitze. Beim Festzug durch die Talstrasse fliesst Schweiss. Das rettende Zelt wird noch erreicht, ehe das drohende Gewitter ausbricht. Der umsichtige Vorstand August Eberspächer muss die Chorvorträge der 19 Gastvereine leider unterbrechen, da zu befürchten ist, dass das Festzelt dem Wolkenbruch nicht standhalten kann. Die Gefahr geht jedoch vorüber, ohne das Fest weiter zu beeinträchtigen. Der Farbfilm, den Dieter Besemer dreht und bei der nächsten Frühjahrsunterhaltung vorführt, hält jede Phase des Jubiläums fest.
Fazit: Die Festtage zum 50. und 75. Geburtstag des Vereins sind hervorragend gelungen - ungünstiger Witterung zum Trotz. Sie zeigen, was durch Zusammenwirken erreicht werden kann; sie sind erwähnenswerte Meilensteine der Vereinsgeschichte. Bleibt nur, der Hundertjahrfeier einen ebenso harmonischen Verlauf und eine genauso freundliche Resonanz zu wünschen! Auf jeden Fall ist die Verleihung der Zelter-Plakette zum 100jährigen Bestehen dem Sängerkranz von der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Chorverbände für das Frühjahr 1988 verbindlich zugesagt.
Wiederkehrende Verpflichtungen
Nicht allein aus Höhenflügen besteht das Vereinsleben. Viele alltägliche Pflichten sind zu erfüllen, mancherlei Kleinarbeit muss geleistet werden. Ein Verein steht und fällt mit der Treue und Zuverlässigkeit seiner Mitglieder bei der Durchführung alljährlich wiederkehrender Programmpunkte, die gleicherweise Gesang und Geselligkeit betreffen.
Sängerwerden ja nicht nur zu den wöchentlichen Singstunden gebeten, vor grösseren Konzerten auch zu Sonderproben. Sie singen zu Freud' und Leid; sie bringen verstorbenen Sangesbrüdern einen letzten Gruss am Grabe, Jubilaren ein Geburtstagsständchen am Hause, erfreuen auch mal einen Patienten im Krankenhaus. Sie leisten Beiträge zu den Gemeindefesten der örtlichen Pfarreien, sie finden sich regelmässig zum Erntedankfest im alten St. Bernhardter Kirchlein, zu anderen Gottesdiensten in der neuen Kirche St. Josef ein. Sie stehen immer wieder für gemeinnützige Zwecke zur Verfügung. Sie konzertieren zugunsten des Kirchenglockenfonds St. Bernhardt (1949) und für die neuen Kindergärten in Wiflingshausen (1969/70 und St. Bernhardt (1972). Am Volkstrauertag sammeln sie sich mit anderen Chören am Denkmal für die Opfer der Kriege beim Friedhof. Sie lockern mit Liedern Versammlungen der Wäldenbron-ner Bank auf, umrahmen musikalisch Veranstaltungen von Obst- und Gartenbauvereinen genauso wie Festlichkeiten bei Feuerwehr und Sportverein. Sie wirken mit bei Jubiläen des Wäldenbronner Musikvereins, benachbarter Gesangvereine im Esslinger Norden und befreundeter Chöre in näherer und weiterer Umgebung. Die Pflege gegenseitiger Vereinsfreundschaften wäre ein Kapitel für sich, und mancher Verein zwischen Schurwald und Westfalen wäre zu nennen: Alte Verbundenheit mit dem Liederkranz Liebersbronn, neue Beziehungen zum Turn- und Gesangverein Rotenberg - Chorleiter Günther Scheiffele dirigiert seit 1971 beide Männerchöre, oft bei gemeinsamen Konzerten am Rotenberg oder in den Rotenäckem; jüngste Fernverbindung zum Männergesangverein ,Heiderose' in Hagen - Boelerheide, der 1975 erstmals im Sängerheim zu Gast ist und 1981 den Sängerkranz anlässlich seines 85jährigen Bestehens zum Gegenbesuch einlädt. Singen, immer wieder singen...
Mehr noch - die Hauptversammlung am Anfang jeden Jahres, Ausschusssitzungen, praktische Hilfen im Vereinsgarten, Renovierungsarbeiten im Sängerheim, allerlei Dienste nehmen des Sängers Zeit in Anspruch. Doch wird auch, je länger desto mehr, im Sängerkranz Geselligkeit gepflegt. Kameradschaftlich-familiäre Zusammenkünfte fehlen in keinem Jahresprogramm, sei's anfangs ein lustiger Kappenabend in der Fasnet und später ein beschwingter Faschingsball, sei's erst ein munterer Kindernachmittag in einem Wiflingshäuser Obstgarten und dann ein mehrtägiges Sommer- und Kinderfest auf eigenem Platz, das mit der Zeit zur Tradition wird und Scharen von Kindern aus den inzwischen stark vergrösserten Stadtteilen anlockt -140 sind es 1964,234 zählt man 1968 bei der Einweihung des Sängerheims. - Seit über 20 Jahren finden diese Sommer- und Kinderfeste gemeinsam mit dem Musikverein Wäldenbronn statt.
Ausflüge im Sommer machen Freude und stärken die Verbundenheit, mag's eine kleine Maientour durch Wald und Weinberg in der Nähe sein wie 1929-auch 1946 marschiert man bescheiden hierzu Fuss; mögen die Ausflügler über die Geislinger Alb wandern und am Pfingstsonntag 1933 erstmals die eben elektrifizierte Bahn benützen, 1934 eine Dampferfahrt auf dem Bodensee erleben, 1951 - nunmehr mit Bussen - nach Rothenburg ob der Tauber fahren oder sich 1964 zum ersten Mal zu einem zweitägigen Jahresausflug entschliessen, dem drei- und viertägige Reisen in die bayrische Bergwelt (1969), nach Südtirol (1973) oder nach Trier und Luxemburg (1984) folgen... - moderner Tourismus und günstige Zeitumstände machen's möglich-; die Weite und die Dauer sind letztlich nicht entscheidend; es wiegt bei diesen Unternehmungen das Erlebnis der Gemeinschaft und das Gefühl der Zusammengehörigkeit.
Kaum ein Jahr, in dem sich die Vereinsfamilie nicht zur gemeinsamen Weihnachtsfeier einfindet. Gestaltet wird sie mit Liedern und Musikstücken; ein heiteres Theaterspiel wird aufgeführt; Ehrungen und Bescherungen finden statt;der Nikolaus besucht die Kinder. Das Vereinsjahr klingt in fröhlichem Zusammensein aus. Erwähnenswert ist dabei, dass der Posaunenchor Wäldenbronn-Hohenkreuz schon viele Jahre diese Feiern mitgestaltet.
Betrachtet man die Vereinstätigkeit in unterschiedlichen Zeitläufen, so spiegelt sich darin oft die allgemeine Entwicklung. Die Vereinsgeschichte erscheint als Zeitgeschichte im Kleinen.
Zwei Beispiele machen dies deutlich:
1928 bahnt sich weltweit eine Wirtschaftskrise an. Sie zwingt Menschen in ohnehin einfachen Verhältnissen zu weiteren Einschränkungen. Die Männer des Vorortvereins besuchen jedoch trotz langer Arbeitstage 49 Singstunden und werden ausserdem bei 14 sonstigen Veranstaltungen beansprucht. Der Tagesausflug nach Strümpfelbach wird zu Fuss bewältigt. Auf der Rückfahrt vom Gausängertag in Weilheim verlassen die Sänger den Sonderzug in Oberesslingen und marschieren zum „Lokal" in St. Bernhardt. Allerdings leisten sich elf Mann die Reise zum Deutschen Sängerfest nach Wien. Beim sommerlichen Gartenfestwerden die Kinder „mit kleinen Gaben" beschenkt. Bei der Herbstfeier findet eine bescheidene „Gabenverlosung" statt. Bei der Weihnachtsfeier ist viel von Schubert die Rede; zahlreiche Chöre „des in seinen Werken unsterblichen Tonmeisters" werden dargeboten, junge Solisten singen seine Kunstlieder, der Dirigent hält einen Vortrag über „Schuberts Leben und Werk"; von einer Bescherung ist nichts berichtet. Dem Ehrenvorstand, noch Gründungsmitglied, wird die letzte Ehre erwiesen. Ehrungen „älterer Herren" sind 1928 nicht erwähnt.
1986, das bisher letzte Berichtsjahr, verzeichnet bei guter Konjunktur vielfachen Wohlstand. Die Bedrängnisse des Atomzeitalters sind anderer Art als die Existenzängste einer wirtschaftlichen Depression. Die meisten Berufstätigen geniessen mehr Freizeit als frühere Generationen. Der Freitagabend leitet häufischon Wochenendveranstaltungen ein. Die Mobilität erlaubt, am Ausflugstag das weite Gebiet des Welzheimer Waldes zu durchfahren und viele interessante Orte anzusteuern. Per Bus geht's auch bequem zum Gauchorfest nach Bissingen. Am Jubiläumsfestzug des Musikvereins Wäldenbronn beteiligt sich der Verein mit einem eigens dafür gestalteten Festwagen, das einstige Häusle am See ist nachgebaut. Kinder werfen daraus Bonbons unter die Zuschauer. Beim Jahreskonzert ist die moderne Aula des Hochschulzentrums Esslingen bis auf den letzten Platz besetzt. Zwei Tage dauert im Sommer die Hocketse imVereinsgarten beim Sängerheim. Reichhaltiges Angebot an Speisen und Getränken; es gibt „neben Gewohntem vom Grill noch Maultaschen in der Brühe". Die Kinder „kommen am Nachmittag beim Kinderfest voll auf ihre Kosten". Auch der Nikolaus verteilt bei der grosszügig arrangierten Winterunterhaltung ansehnliche Geschenke an die Kleinen. Die Tombola wird äusserst „attraktiv" genannt. Einschliesslich der Singstunden bestehen für die Sänger 50 Verpflichtungen. Die traurigste, den völlig unerwartet verstorbenen Vorstand zur letzten Ruhe zu geleiten; eine schwere Bürde die Zeit der Stellvertretung für den zweiten Vorsitzenden Walter Kolb, bis in einer ausserordentlichen Hauptversammlung Hermann Haug zum Nachfolger von Eduard Jahn gewählt wird. Erfreulicher ist es, zehn Jubilare an „runden" Geburtstagen zu ehren-eine auffallend hohe Zahl betagter Mitglieder.
Zeiterscheinungen und Unwägbarkeiten beeinflussen auch das Leben eines Gesangvereins. Die vorhandenen Protokolle bescheinigen jedoch den Mitgliedern des Sängerkranzes zu allen Zeiten ein hohes Mass von Verlässlichkeit bei den vielfältigen Einsätzen im Ablauf eines Jahres.
Herausragende Persönlichkeiten
Gewiss ist ein Verein auf Freunde und Gönner angewiesen, die ihn materiell unterstützen, besonders in schwierigen Situationen. Was wäre aber ein Verein ohne Idealisten, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, in ihre Ämter und Funktionen Zeit und Kraft zu investieren! Wie viele Wege sie für die Gemeinschaft gehen, Befriedigungen oder Enttäuschungen erleben - kein Protokoll kann dies in vollem Umfang wiedergeben.
Vorstände und Stellvertreter, Schriftführer und Kassiere, Dirigenten und viele andere Helfer - immer wieder schälen sich in der 100jährigen Geschichte des Sängerkranzes Persönlichkeiten heraus, die dem Verein über grössere Zeiträume hinweg zur Verfügung stehen. Manchmal bilden sich Gespanne, die den Karren jahrelang ziehen.
Beispielsweise arbeiten Vorstand Gottlieb Besemer und Chorleiter Hermann Druffner von 1906 bis 1923 zusammen; Karl Schlienz und Otto Seitz kooperieren nutzbringend von 1923/24 bis 1934; das Brüderpaar Emil und Wilhelm Köble springt 1946 in die Bresche; Emil Köble leitet den Verein noch bis 1960, Erwin Sauer dirigiert von 1955 bis 1968; Eduard Jahn führt den Verein 22 Jahre (1964-1986), Hermann Haug 23 Jahre (1986-2009) und mit Ihnen arbeitet der Chorleiter Günther Scheiffele 21 Jahre zusammen.
Solche langen Perioden einvernehmlicher Leitung begünstigen die Entwicklung eines Vereins ungemein.
Ohne die Verdienste anderer Amtsinhaber zu schmälern, dürfen einige Persönlichkeiten und ihre Leistungen für den Verein, zum Teil schon angedeutet, zum Teil noch nicht erwähnt, zusammenhängend skizziert werden. Gewisse Wiederholungen sind dabei nicht zu vermeiden.
Viel verdankt der Verein seinem langjährigen Mitglied Karl Schlienz, der 1909 mit 16 Jahren als Sänger eintritt. Schon mit 30 Jahren wird er im Inflationsjahr 1923 zum Vorstand gewählt. Er führt den Verein durch die kritischen Zwanziger-, die politisch belasteten Dreissiger- und die bitteren Kriegsjahre, zeitweilig selbst zur Wehrmacht einberufen, bis er 1946 zum Wiederaufbau des Vereinslebens sein Amt in die Hände seines bisherigen Stellvertreters Emil Köble übergibt. Er stellt 1924 für den bisher isolierten Männergesangverein die Verbindung zum Schwäbischen Sängerbund her, bereitet 1938 intensiv das 50jährige Jubiläum vor, erkrankt aber kurz vor dem Fest schwer. Er bleibt auch nach dem Krieg dem Sängerkranz treu, wird am 19. Dezember 1948 zum Ehrenvorstand ernannt und erhält 1953 den Ehrenbrief für 40jährige Sängertätigkeit. 1955 wird er bei einem Verkehrsunfall verletzt, seine Sängerfreunde singen ihm im Krankenhaus ein Ständchen. Immer wieder ist sein Rat gefragt, er macht Vorschläge in den Hauptversammlungen, vermittelt bei Meinungsverschiedenheiten zum Nutzen des Ganzen; Ausschussmitglied des Darlehenskassenvereins Wäldenbronn, Mitglied der Ortsschulbehörde Liebersbronn und des Kirchengemeinderats St. Bernhardt, als Ehrenvorstand des Sängerkranzes 1928 zu Grabe geleitet; das 1931 verstorbene Ehrenmitglied Johannes Mangold, und natürlich der eigene Vater Christian Schlienz, verstorben 1929. Niemand ist berufener, zum 75jährigen Jubiläum im Jahre 1963 „Die Geschichte des Sängerkranzes 1888 e.V. St. Bemhardt-Wiflingshausen" für die Festschrift zu schreiben - heute eine wesentliche Quelle für die Vereinschronik. Es wird ihm die Nagelplakette des Schwäbischen Sängerbundes verliehen, er erhält den Ehrenbrief des Deutschen Sängerbundes und neben anderen zwischenzeitlichen Ehrungen durch seinen Verein ein dankbares Ständchen zum 75. Geburtstag am 25. November 1968. Die Sänger geleiten ihren Ehrenvorstand am 10. Dezember 1969 zur Ruhestätte auf dem Friedhof St. Bernhardt.
Emil Köble sen., geboren am 23.8.1897, springt immer dann ein, wenn Not am Mann ist. Mitglied wird er 1919, man braucht nach dem Krieg neue Sänger. Als 1938 der stellvertretende Vorstand Albert Schlecht aus geschäftlichen Gründen zurücktritt, stellt sich Emil Köble als Vizevorstand zur Verfügung. Kaum im Amt, vertritt er im gleichen Jahr den erkrankten Vorsitzenden bei den Jubiläumsveranstaltungen. In seiner Festansprache gibt er eine Rückschau auf die ersten fünfzig Jahre des Sängerkranzes. „Singen und wieder singen, das ist Aufgabe der Gesangvereine", dies ist seine Überzeugung. Karl Pfaff, den er zitiert, ist ihm Vorbild: „Gott liebt des Liedes hellen Klang." Als die „Stunde Null" es erfordert, übernimmt er mit Selbstverständlichkeit 1946 das Amt des Vorsitzenden und engagiert seinen Bruder zum vorläufigen Dirigenten. Der Verein dankt's ihm erstmals 1947 mit einem Ständchen zum 50. Geburtstag. Durch seine Unterschrift wird der Sängerkranz - wie berichtet -1950 eine „juristische Person" und Besitzer des Vereinsgartens, den er ein Jahr danach einweiht. 1959 Ehrung für 40jährige Sängertätigkeit, 1960 zwingen ihn ein Schicksalsschlag und Krankheit zur Aufgabe der Vorstandstätigkeit. Doch kann er, ein Sänger aus Leidenschaft, noch am 70. Geburtstag sich der Lieder erfreuen, die seine Sängerbrüder ihm zu Ehren singen - in der Singstunde, versteht sich! Die letzte Ehre erweisen sie ihm am 6. Oktober 1970 auf dem Friedhof St. Bernhardt.
1948 tritt Eduard Jahn als passives Mitglied in den Sängerkranz ein. Er wird 1953 zum ersten Mal in den Ausschuss gewählt. Ab 1958 steht er als Kassenprüfer dem Hauptkassier zur Seite. 1962 wird er aktiver Sänger - es geht dem Jubiläum entgegen! Schon bald nach dem Fest folgt eine Zeit „höchster Aktivität für den Verein", als am 18.1.1964 der bisherige Vorstand August Eberspächer aus Altersgründen zurücktritt und Eduard Jahn zum Vorsitzenden gewählt wird. Sein Name bleibt untrennbar mit dem Bau des Sängerheims verbunden. Er treibt das Projekt voran, er vollzieht die Grundsteinlegung am 9. April 1967 und steht als Hauptverantwortlicher im Mittelpunkt der Einweihung im Juli 1968.1970 begeht er mit den Sängerfreunden dort seinen 50. Geburtstag. Er ist vielseitig interessiert und engagiert, ist in den Siebzigerjahren lange Zeit auch Vorsitzender des 1969 gegründeten Bürgerausschusses St. Bernhardt-Wiflingshausen-Kennenburg - in die nun dicht bebauten Stadtteile sind tausende neuer Mitbürger zugezogen. Er überdenkt manche Fragen der neuesten Zeit, Öffentlichkeitsarbeit, Mitgliederwerbung, Sorge um den Nachwuchs, Sinn und Unkosten von Konzerten und andere mehr. In den Versammlungen und Ausschusssitzungen gibt er viele Anregungen und weiss auch 1981 die zehnjährige Tätigkeit des Chorleiters gebührend zu würdigen. Die Karl-Pfaff-Nadel in Gold, die ihm nach zwanzig Jahren Vorstandschaft 1984 verliehen wird, ist eine Anerkennung für sein erfolgreiches Engagement in einer Zeit rascher gesellschaftlicher Veränderungen, auch für seinen persönlichen Führungsstil, der gleicherweise souverän und kollegial ist. Gross ist die Bestürzung in der Vereinsfamilie, als er am 7. März 1986, zwei Wochen nach der 12. Wiederwahl, völlig unerwartet einem Herzanfall erliegt und am 13. März mit einigen Chören der Sängerfreunde auf dem Friedhof St. Bernhardt zu Grabe geleitet wird.
Vielfältige Spuren hinterlässt die Wirksamkeit von Wilhelm Schlienz, geboren im Jahre 1906. Er tritt 1925 dem Verein bei und wird 1931 zum Schriftführer gewählt. Fast 16 Jahre schreibt er die Protokolle, auf über hundert Buchseiten ist von ihm Vereinsgeschehen festgehalten. Als während des Zweiten Weltkrieges der Kassier eingezogen wird, verwaltet er zusätzlich die Vereinskasse. Beim Neubeginn 1946 wird er zum Hauptkassier bestimmt. Er bleibt Wirtschaftsführer bis 1978! Welche Initiativen von ihm ausgehen und welche Fülle von Tätigkeiten sich hinter den trockenen Begriffen Schriftführer und Kassier versteckt, lässt sich nicht im einzelnen beschreiben. Er meistert nebenher den Aufbau von Festzelten, etwa 1938, bemüht sich um Gönner und besorgt Spenden, nimmt an den grossen Sängerfesten teil, zum Beispiel 1932 in Frankfurt oder 1937 in Breslau - bei der Herbstfeier berichtet er den Vereinsangehörigen mit eigenen Dias von diesem Erlebnis. In den Fünfzigerjahren bewältigt er die Wirtschaftsführung im Vereinsgarten. Wen wundert's, dass er- wie berichtet - wiederholt spontanen Beifall für seine erfolgreiche Arbeit erhält! Die Feier des 50. Geburtstages und die Verleihung der Silbernen Sängernadel für 30jährige Sängertätigkeit fallen ins Jahr 1956. Er kann den jungen Freunden erzählen, wie schwierig es war, nach dem ersten und dem zweiten Krieg wieder von vorne anzufangen. Die grössten Leistungen für den Verein erbringt er als Organisator und Koordinator der Einsätze beim Bau des Sängerheims in den Sechzigerjahren. Er trägt zum Gelingen des Werkes Entscheidendes bei. Der Verein dankt es ihm bei der Einweihung am 20. Juli 1968 durch die Auszeichnung mit dem Goldenen Vereinsabzeichen. Die Freunde vergessen auch nie, ihn zu den hohen Geburtstagen zu beglückwünschen; sie begeben sich dabei gerne zum Jubilar „ins Obertal", wo dann gelegentlich die Schlosserwerkstätte zum „Festsaal" umgestellt wird, zuletzt am 1. Februar 1986 zum Achtzigerfest. Die seltene Urkunde des Deutschen Sängerbundes für 60jährige Sängertätigkeit besitzt er seit 1984. Zwei Drittel der 100jährigen Vereinsgeschichte sind im wörtlichen und übertragenen Sinn von Wilhelm Schlienz geschrieben, einem Mann, der- nebenbei bemerkt- in den Jahren 1960 bis 1974 als Vorstandsvorsitzender der Wäldenbronner Bank wesentlich zu deren Erhaltung und Förderung beiträgt. Den Helfern beim Bau des Sängerheims bestätigt er einmal, dass ihre Arbeit oft „bis an die Grenzen des Möglichen" ging - wie war's bei ihm?
Die Durchführung des 100jährigen Jubiläums ist, nach dem überraschenden Tod von Eduard Jahn, dem 1986 an der ausserordentlichen Hauptversammlung gewählten Hermann Haug zu verdanken. Eingetreten